Die Zeit scheint uns reif für einen klaren und unmissverständlichen Protest.Der ein Auftakt für einen Prozess sein soll, so vielgestaltig wie die Probleme selbst es sind. Aber entschieden und eindeutig in der gemeinsamen Energie und unserem Ziel:
Vernetzung, Ermutigung, solidarisches Handeln –und Veränderung, weltweit.
Vieles ist für viele besser geworden in den letzten dreißig, fünfzig oder auch zweihundert Jahren, das ist klar. Aber ebenso klar ist auch: Nichts von all dem, was besser wurde, kam
von selbst. Alles, jedes einzelne Gesetz, jede Liberalisierung, jede Art von Emanzipation wurde erkämpft. Manches ist heute leichter – in der Kommunikationstechnik, aber auch
im selbstverständlichen Bewusstsein, was auf dem Spiel steht (wieder einmal).
Manches scheint heute schwieriger – eben, weil die Verhältnisse sich verbessert haben,
aber auch, weil Diskriminierung und Gewalt sich immer wieder neu und anders formieren. Auch die Frauenbewegung selbst hat sich gewandelt. Und doch trifft die gegenwärtige Entwicklung alle Frauen, alle queer- und trans-Personen wie auch alle Männer, die gleichberechtigt, fair und würdig leben wollen. Wir erfahren sie, hier und heute, wie ein unruhiges Feld von destruktiven Kräften, das nicht so gleichförmig auftritt wie, zum Beispiel, in Island 1975, als ein nationaler Frauen*streik eine konservativ-patriarchale Gesellschaft
im besten Sinne erschütterte… (Wer den Film noch nicht gesehen hat: »Ein Tag ohne Frauen« ist ein radikales Vergnügen!)
Wir sehen uns eher in einer Gegenwart, in der Gruppen, Klassen, Einzelne wie willkürlich
einer ›Gemeinschaft‹ Zugeordnete an ganz unterschiedlichen Positionen mit einem weltweiten Rollback zu kämpfen haben.
Es geht um physische und existentielle Gefährdung für Belarussinnen der Opposition, für »Frau, Leben, Freiheit« im Iran, für Feministinnen wie Pussy Riot, für protestierende
Frauen in Indien wie der Türkei, für Mädchen und Frauen in Tschad, im Jemen, in Uganda,
in Venezuela, Argentinien, in Gaza… (you name it).
Für US-Amerikaner:innen geht es – noch – um den Kampf um Demokratie. Für Frauen im westlichen Europa um den Erhalt des Erreichten, aber auch, scheint uns, um die Gefahr eines fading out: Wie lange braucht es noch, bis Femizide und Missbrauch angemessen geächtet und geahndet werden; wie lange muss noch gekämpft werden, bis der gender
pay gap wie der gender health gap geschlossen ist; wie lange wird es dauern, bis Care-Arbeit gewürdigt und gleich verteilt wird?
GENUG davon! GENUG! Es liegt, natürlich, vor allem: an uns.
Solidarität ist ein vielgestaltig‘ Ding. Und Generalstreik heißt mehr als: Fünf Prozent Gehaltssteigerung, und dann gehen wir zurück auf Los.
Ein Frauen*Generalstreik kann bedeuten:
Dir geht es gut. Du wirst anständig bezahlt, bist in einem fairen Team. Aber Deine Kollegin kommt immer mal wieder sehr still zurück an ihren Arbeitsplatz, und Du ahnst (oder weißt): sie wird geschlagen und trennt sich nicht, weil sie, allein mit den Kindern, nicht weiß wohin. Und Du streikst für sie. Mit ihr.
Oder: Du hast, wie die meisten jungen Frauen, damals gedacht: Quote? Brauche ich nicht. Ich bin begabt, ambitioniert und fleißig, warum soll es nicht gut weitergehen?
Und zwanzig Jahre später bist Du Feministin.
Oder: Du bist Mutter oder kennst ein junges Mädchen, das freiwillig hungert.
Das vereinsamt in einer Gesellschaft, die sexuelle Normen und Identität behandelt wie eine Ware: Man verfügt darüber, oder man geht eben unter.Oder: Du hast eine Erinnerung an eine Fehlgeburt, an die gleichgültige Behandlung, medizinisch wie menschlich, die deine Erfahrung von Schmerz und Verlust nicht interessiert.
Oder: Du siehst in den Nachrichten nacheinander die Konterfeis vonTrump, Xi Jinping, Putin, Chamenei, Orbán, Milei, Erdoğan, Mugabe, Obiang Nguema, Netanyahu, al-Bashir, von Musk und Zuckerberg, von Mugabe, Ortega Nguema, al-Bahir und denkst: in welcher Welt lebe ich? (Und werden die Menschen leben, die mich überleben und an denen mir liegt?).
Du liest die letzte Finanzstatistik, die noch deutlicher zeigt als die des Jahres zuvor, dass der Superreichtum fest in den Händen der Männer ist – und armutsgefährdet, weltweit, vor allem die Frauen sind.
Was können wir tun, um diese Entfesselung von maskuliner Finsternis Einhalt zu gebieten? Wollen wir es wirklich als eine Unvermeidlichkeit akzeptieren, dass Feindseligkeit – gegen ein Zusammenleben in Würde, gegen Nachhaltigkeit und Humanität, gegen das Wohl von Kindern, gegen das Leben selbst – diesen Planeten regiert? Ein Cluster – auch buchstäblich – toxischer Männlichkeit, der fossile Energien, militärische Macht, ›soziale‹ wie ›regulierte‹ Medien und erdumspannende Finanzsysteme vereint?
Vielleicht bist Du einfach erschöpft. Doch unter der Erschöpfung warten Zorn und eine erstaunliche Hoffnung.
Wir sollten uns – meinen wir – nicht entmutigen lassen, sondern: uns gegenseitig ermutigen. Zu einem Prozess, dessen 1. Höhepunkt heißt:
Der internationale Tag der Frauen* am 8.3.2026, an dem wir in vielen Orten auf der Erde zusammenkommen. In Ingolstadt und Caracas, in Washington und Algier, in Johannesburg und Delhi, in Sarajewo, Samarkand, Stuttgart.
Um zu diskutieren und voneinander zu lernen, um miteinander zu feiern, unserem Zorn und unserer Stärke Ausdruck zu geben und Ziele wie Visionen zu entwickeln.
Um Initiativen zu stärken, sie neu zu gründen, um Gesetzesvorhaben zu formulieren, um zu planen, was an jenem Ort und in dieser Zeit dringend ist – und was schön werden kann.
Was Alltag und Zukunft lebenswert macht.
Und dessen 2. Höhepunkt auf den Tag darauffolgt:
Zum globalen Generalstreik der Frauen* am 9.3. 26 legen wir unsere Arbeit nieder.
Verlassen den Computer, den Herd, die Zahnarztpraxis, die Kinder und die Kasse, das Lehrpult, die Fabrik und die Pflegestation – und finden uns mit anderen Streikenden zusammen am jeweils nächsten, passenden Ort.
Wir geben Laut und demonstrieren. Trotzen den Dystopien mit dem sicheren Gefühl:
Ohne uns geht garnichts!
(Und wer es partout nicht kann, aus ökonomischen oder anderen Gründen: ist einfach ›krank vor monatlichem Regelschmerz‹, oder trägt bei der Arbeit ein noch zu entwickelndes Symbol – wie die Aids-Schleife, das Anti-AKW-Zeichen –, um zu zeigen: Count me in. Ich bin – auf meine Art – dabei.)
Der Generalstreik der Frauen* würde die nationalen Wirtschaften erschüttern und unsere Arbeit sichtbar machen, in den bezahlten Berufen wie in den unendlich vielen unbezahlten Stunden der sogenannten Care-Arbeit.
Wir schaffen ein Datum, an dem weltweit Echoräume entstehen. Zwei Tage, in denen die Nachrichten, lokal wie über Kontinente hinweg, den empörenden Stand der Dinge zeigen. In denen jede regionale, jede nationale Bewegung ihr GENUG! formuliert, in ihrer Sprache, mit ihren Zeichen und Ritualen, aufgrund ihrer Erfahrungen und mit ihren politischen Zielen. Und in denen aus Wut und Depression politische Empörung und Stärke wird, aus Erschöpfung eine Ermutigung, aus der Erfahrung der Vereinzelung eine gemeinsame Kraft.
Praktisch gesagt:
Wir sind noch in der Ideenfindung. Dem Erspüren, ob es klappen kann, ob aus dem Schneeball eine Lawine wird. Für die Verbreitung und Vernetzung braucht es Frauen
aller Generationen mit ihren Wünschen, Erfahrungen und Sorgen. Es braucht internationales Denken, und es wird Geld brauchen, Expertise und Kompetenz
aus Verbänden und den Medien; es braucht kritische Männer, Initiativen und Gewerkschaften. Es braucht Jurist:innen.
Ein globaler Frauen*Generalstreik wird Kraft brauchen, Kraft geben und Lust machen.
Es gibt kein System, auf das wir zurückgreifen können, aber es gibt Geschichten und die Geschichte der Frauenbewegung, die, unter anderem, zeigt: Das ›WIR‹ formt sich immer neu. Und es nährt sich aus Dankbarkeit, Gedächtnis – und dem, was die Heutigen sich zutrauen und zustande bringen.
Also wir. Jetzt.
Es beginnen damit und brauchen Euch:
Adrienne Goehler, Kuratorin
Katrin Gottschalk, Journalistin
Elke Schmitter, Schriftstellerin und Journalistin
Anne Schneider, Regisseurin, Konzepterin, Moderatorin
und inzwischen schon mehr als hundert Frauen und ein Dutzend Männer, die die Idee teilen!
Sagt, würdet Ihr – wenn ich Euch erzähle, wie es geht – dem Krieg ein Ende machen?
»Lysistrata«, Aristophanes. Der Frauenstreik der Athenerinnen und Spartanerinnen, um Krieg und Zerstörung zu beenden. Er war erfolgreich.