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Das unterschätzte Picknick. Und seine Revolution.

Simone Schmollack hat recht: Das Picknick reicht nicht zur Revolution. Was sie übersieht: Es war auch nie dafür gedacht, das letzte Wort zu sein.

Beitrag von Isabelle Emig

In ihrem DLF-Kommentar vom 10. März setzt sich die deutsche Journalistin Simone Schmollack kritisch mit dem 9. März 2026 auseinander. Sie vergleicht ihn mit dem wesentlich erfolgreicheren Frauen*streik Islands und dem deutschen Frauen*streik 32 Jahre zuvor. Ersterer hatte das Land wirklich stillgelegt, zweiterer nahm es sich vor, erreichte es jedoch nicht. Und nun ja: Der 9. März 2026 habe laut Schmollacks Kommentar leider rein gar nichts gebracht. Schmollacks Kommentar stützt sich auf Historie und kommt daher wie eine faktenbasierte Analyse der traurigen Tatsachen. Die deutschen Frauen* taugen wohl nicht als Revolutionär*innen.

Bei solch politischer Perspektivlosigkeit überlegt die Schreibende natürlich nicht, was sie ändern könnte. Es reicht der Verweis auf die anderen in den Parlamenten und Frauen*organisationen, die die Arbeit tun. An dieser Stelle sei es erspart, lesen zu müssen, wie wenig das politische Feuilleton durch Beiträge dieser Art bisher zur feministischen Revolution beigetragen hat. Anders als Schmollack folgen wir hier nicht der Annahme, es wäre produktiv, sich über die Unproduktivität anderer Feminist*innen auszulassen. Wir verfolgen hingegen die Annahme, dass Schmollack uns unterschätzt. Sie unterschätzt die picknickenden Frauen*. Sie unterschätzt das Picknick an sich. Und sie unterschätzt die Zusammenhänge. Alle drei Unterschätzungen basieren auf einem typisch patriarchalen Blick auf die Dinge, den wir nun im Folgenden gemeinsam abtrainieren werden.

DIE UNTERSCHÄTZUNG DER STREIKENDEN FRAUEN*

Wer ist die Frau, die am 9. März auf der Picknickdecke sitzt? Sicherlich mehr als nur die Picknickende. Sie hat sich schließlich entschieden, an einem politischen Picknick teilzunehmen. Eine Aktionsform, die Raum einnimmt und Raum für Begegnung schafft und so bewusst mit dem Alltag bricht ohne zu radikal aufzutreten. Wird sie nach dem Picknick zurück in ihr Leben gehen und das Patriarchat tolerieren? Oder wird nicht der Entschluss, zum Picknick zu gehen, getragen sein von einer feministischen Grundhaltung, die sie auchin anderen Momenten des Lebens auslebt? Taugt sie nicht auch zur Vorkämpferin einer feministischen Organisation an einem anderen Tag, wenn sie heute picknickt? Allzu oft reduzieren wir Streikende nur auf ihr Streiken. Ein Fehler, den auch sämtliche klassisch patriarchal geprägten Streikbewegungen gemacht haben – bis eine Frau daher kam, die ihnen erklärte, wie es anders geht. Jane McAlevey hat Aktivist*innen aus über 70 Ländern beigebracht, wie man einen erfolgreichen Streik organisiert. Ihre Methode, das Community Organizing, entstammt insbesondere den Praktiken des 1199SEIU Locals, also der New Yorker Gewerkschaft der Krankenpfleger*innen. Eine der kämpferischsten Gewerkschaften, die nicht nur im Kampf gegen die Ausbeutung durch den Arbeitgeber, sondern auch im Kampf gegen Rassismus und Patriarchat schwarze Frauen* aus der Arbeiterklasse mobilisiert hat wie kaum eine andere Organisation. Das Geheimnis, das die SEIU-Schwestern knackten und das Jane McAlevey für den Rest von uns in die Welt trug:

„Die Streikende ist Teil ihrer Community. Sie ist nicht nur Arbeiterin, sie ist auch Mutter, sie ist Kirchgängerin, sie ist Nachbarin – sie ist hunderte Frauen* in einer Frau.“

Und in jeder dieser Facetten kämpft sie den Kampf, den sie im Streik kämpft. Sie wird genauso in der Kirchengemeinde über das Ende der Ausbeutung sprechen, wie sie es im Streik tut. Das gilt in beide Richtungen: Frauen*, die beim Streik nur halb dabei sind, werden auch außerhalb des Streiks das Anliegen nur halbherzig vertreten.

DIE UNTERSCHÄTZUNG DES PICKNICKS ALS STREIKFORM

Das kleine Picknick. Ach herrje – das kleine Picknick wird es nicht schaffen, die Welt zu verändern. Ist es nicht peinlich? Gackernde Frauen*, die mit ihrem Picknick den Weg versperren – für ein Anliegen, aus dem sowieso nichts wird? Schämt sich denn keine dieser Feminist*innen mehr, dass man an der Form, die sie wählen, das Scheitern ihrer Inhalte ablesen kann?

Klassische Arbeiterstreiks haben damit zu kämpfen: Dieser Streik sei wild und illegal, jener Streik sei zu politisch, und der Streik der Busfahrer*innen sei ohnehin unsolidarisch mit den Fahrgästen. Den Streik für das „Wie“ zu kritisieren, ist immer einfacher, als den Grund des Streiks – das „Was“ – zu leugnen. Ignoriert die faule Formkritik! Denn es ist legitim, wenn Gruppen, die jahrelang von Gewerkschaften außen vor gelassen wurden, wild streiken oder wenn Busfahrer*innen mehr Personal einfordern, damit auch im ausgebauten Netz künftig der Fahrgast noch von A nach B kommt. Und ebenso ist das typisch weibliche Streiken, wie wir es am 9. März gesehen haben, genauso richtig, wie es stattfand. Denn das feministische Streiken nimmt Platz ein. Es bricht mit der Vorstellung, dass Protest wütend sein muss. Frauen* streiken und protestieren anders als Männer. Sie sind kreativer, streiken zu anderen Zeiten und verspielter – weniger wütend, ohne weniger radikal zu sein.

So stellten Bewegungsforscher*innen wie Rachel Einwohner bereits 2000 fest: „… strategies using frames that ‘resonate’ with preexisting belief systems will be more effective. (…) By aligning themselves with traditional framings of gender, for instance, members of social movements can make themselves seem familiar and therefore unthreatening.“ Erzieher*innen, die beim Streik anfangen zu basteln oder Lieder zu singen, machen sich nicht lächerlich – sie entsprechen geschlechtlichen Erwartungen, weil es sie und ihren Streik schützt. Und nur ein sicherer Streik wird wiederholbar sein und immer mehr Frauen* anziehen. Es liegt an uns, unser Bild davon zu ändern, wie ein Streik auszusehen hat.

DIE UNTERSCHÄTZUNG DER ZUSAMMENHÄNGE

Einer der nervigsten Vorteile der Parlamentarier*innen gegenüber den Aktivist*innen ist, dass erstere stets die Partien zum Sieg führen, die erst durch Spielzüge der letzteren überhaupt gewinnbar wurden. Die SPD setzt am Ende ihren Stempel auf Reformen, die Gewerkschaften lange, mühsam herbeilobbyiert haben, und die CDU stellt die erste weibliche Bundeskanzlerin, obwohl sie sich stets gegen den Fortschritt gestemmt hatte.

Und wir lassen diese Parteien gewähren. Denn ohne die Parlamentarier*innen wäre es am Ende nicht möglich. Doch sollte niemand vergessen, dass der Mut, für ein Amt zu kandidieren, erst aus der Lust am Aufbegehren im kleineren Rahmen geboren wird. Wer einmal gestreikt hat, hat später keine Angst mehr, mit dem Geschäftsführer zu reden, Verantwortung zu übernehmen. Frauen* erlauben es sich, die Vorarbeiterin oder den Vorarbeiter in die Wüste zu schicken. Sie wagen es, ihre Rechte einzufordern oder auch ein Wahlmandat in der Kommune zu übernehmen. Sie widersprechen und widersetzen sich ihren Ehemännern und Vorgesetzten. Feminisierte Streiks – egal ob im Nordfrankreich der 1970er Jahre oder aktuell in Deutschland – sind gleichzeitig Ausdruck und Quelle eines neuen Selbstbewusstseins von Frauen*: am Arbeitsmarkt, in der Familie, in den Gewerkschaften, in der Gesellschaft.

Nein, das Picknick reicht nicht zur Revolution, dafür fehlt beim Picknick die Störung der (Re)produktionsprozesse der kapitalistischen und patriarchalen Gesellschaft. Aber das Picknick ist ein notwendiger Zwischenschritt, der die Picknickenden weiter politisiert und der feministischen Bewegung neues Leben einhauchen kann.

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