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“Antiraciste, anticolonialiste et antisexiste”

“Antiraciste, anticolonialiste et antisexiste” übertitelte das französische Magazin “L’humaniste” 2025 eine Würdigung von Yoko Tsuno. Ich habe die Comicserie, die seit den 1960ern existiert, auch erst Anfang des Jahres entdeckt, weil ich regelmäßig “Spirou und Fantasio” oder “Hilda”-Comics für meine Tochter und mich aus der Bibliothek hole. Und natürlich frage ich mich wie bei vielen solchen Entdeckungen: wieso erst jetzt? Wieso sieht frau*man nicht überall Yoko-Tsuno-Sticker und Pins, oder warum kam sie nicht wenigstens in meinem Kulturwissenschaftsstudium in den 2000ern vor? Denn anders als Barbarella oder Superwoman, die super sexualisierten und super femininen und super westlichen Superheldinnen, die es auf Werbeanzeigen, politische Kampagnen und T-Shirts schaffen, sieht man die japanische Elektroingenieur und Pilotin Yoko Tsuno nie – zumindest nie in der Bundesrepublik. Dabei ist doch alles japanische gerade in. Und Mädchen sollen überall an MINT-Fächer rangeführt werden (anstatt dass wir Geisteswissenschaftler*innen ordentlich bezahlen und anstellen).

Leloup, der in der ersten Hochzeit der Franco-Belgischen Comics der 60er Jahre auf die realistische Zeichnung von elektrischen Geräten und Fahrzeugen spezialisiert war. Das heißt, Leloup wurde immer dann in die Redaktion gerufen, wenn jemand ein realistisches Flugzeug oder ein detailliertes Gebäude für “Tim und Struppi” oder “Spirou” zeichnen musste, aber nicht wenn es um Charaktere oder Stories ging. Als er dann um 1968 seine erste eigene Figur entwarf, war die konsequenterweise eine Technikexpertin und Ingenieurin. Interessant finde ich, dass frau*man den Eindruck bekommt, dass Leloup bereits damals politisch fast alles richtig macht, das aber mit einer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit, als wären schon immer Frauen am Steuer der Flugzeuge gesessen. Vielleicht brauchte es einen Techniknerd und pedantischen Zeichner wie Leloup und keine*n politische*n Autor*in, um einen derart radikal politischen Comic zu schaffen und bis heute fortzusetzen.

Die Rockbassistin Suzie Quattro hat in einem Interview Mal über sich selbst gesagt, dass nur eine Frau wie sie, die überhaupt keinen Begriff von Gender und keine Ahnung von Gleichberechtigung hatte, und sich weder für weibliche Rollenklischees noch für ihre Auflösung interessierte, in der Lage gewesen sei, erfolgreich die Genderbarriere im Rock’n’Roll zu durchbrechen. Maybe so… Dann würde Ähnliches für den (angeblichen) Nicht-Feministen und politisch desinteressierten Leloup gelten.

Yoko Tsuno ist natürlich nicht nur interessant, weil sie als Frau gelesen wird. Sie ist auch Ausländerin – die Comics sind in Belgien angesiedelt – und hoch gebildet. Aber auch ästhetisch ist Yoko Tsuno besonders: Die Comics sind in den Details wirklich so realistisch, dass es schon fast komisch ist. Es wird seitenlang über Alltagsfragen geredet oder wir begleiten Yoko bei irgendwelchen Reparaturen oder umständlichen Flugmanövern. (Übrigens adoptiert sie irgendwann ein Mädchen, wird also zur Mutter, und erzieht das Kind in einem Frauenkollektiv) Dabei sind die Plots immer fantastisch, aber das Personal stemmt sich mit großer Normalität, Menschlichkeit und vor allem Fehlbarkeit dagegen. In jeder Geschichte wird dabei auch mindestens einmal Geschlechtergerechtigkeit thematisiert, meist aber in Form von verbalen Scharmützeln oder Kommentaren, die weiter keine große Rolle spielen. Meine Lieblingsepisode ist die, in der Yoko Tsuno von einem Soldaten nach der Heckbemalung ihres High-Tech-Flugzeugs gefragt wird, ein roter Halbkreis mit einem roten Strich darunter. Yoko erklärt, dass die halbe rote Sonne das Symbol der Frauen Japans sei, und dass der Strich darunter sie selbst symbolisieren soll. Denn erst wenn sie die volle Weisheit erlangt habe, würde sie dazu gehören, zu den Frauen Japans. Das ist in seiner Bescheidenheit nicht nur typisch japanisch, es ist auch ein wunderschönes Spiel mit visuellen Nationalsymbolen. Scheinbar hat Leloup dieses Symbol frei erfunden, zumindest konnten wir keine Erklärung oder keine Vorlage dazu im Netz finden – auch ChatGPT nicht. ( Autor JP Possmann )

Alle Ausgaben der Reihe sind auf deutsch im Carlsen-Verlag als Sammelbände erschienen: https://www.carlsen.de/reihe/yoko-tsuno-sammelbande

Abb. Yoko Tsuno incarne un archétype rare dans la BD franco-belge.
© Creative commons

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